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Mädchenfußball

Silke Rottenberg mit DFB in der Sportschule Wedau: "Es war ein besonderes Camp"

Beim viertägigen DFB-Lehrgang nahm die frühere Torhüterin des FCR Duisburg und der Nationalmannschaft 15 talentierte Torhüterinnen unter die Lupe.
12. August 2020 DFB | Duisburg / Mülheim / DinslakenText: DFB, alle Fotos: Nico Herbertz
Silke Rottenberg mit DFB in der Sportschule Wedau:
Bildquelle: Nico Herbertz
Die frühere Welttorhüterin Silke Rottenberg hate sichtich Spaß beim Torhüterinnen-Lehrgang in der Sportschule Wedau.

Silke Rottenberg sichtet und trainiert Nachwuchstorhüterinnen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) - zuletzt bei einem viertägigen Lehrgang an der Sportschule Wedau des Fußballverbandes Niederrhein (FVN) in Duisburg. Im Interview spricht die die 126-malige Nationalspielerin, Welttorhüterin von 2003 und frühere Torhüterin des FCR Duisburg (2003 bis 2006) über neue Erfahrungen in Corona-Zeiten und erklärt, was sie auch noch mit 48 Jahren überrascht.

Frau Rottenberg, gerade ging der Lehrgang für Nachwuchstorhüterinnen zu Ende. Nehmen Sie uns doch mal mit in die Sportschule Wedau: Wie liefen die Tage dort ab?

Silke Rottenberg: Es ist ein besonderes Camp gewesen, weil es eine Torwartsichtung war, ohne dass ein Sichtungsturnier stattgefunden hat. Die Teilnehmerinnen wurden auf Empfehlung der Landesverbände eingeladen. Es ist super gelaufen. Alle waren sehr diszipliniert. Die Vorschriften, die man uns gemacht hat, wurden eingehalten. Der Seminarraum war ein bisschen größer, so dass man eineinhalb Meter Abstand halten konnte, im Essensraum ist immer ein Platz frei geblieben.

Ansonsten war alles normal?

Das Kuriose ist ja: Auf dem Platz sind sie alle zusammen, da gibt's keinen Mundschutz, da wird Fußball gespielt. Dann geht man vom Platz runter, und alles ist anders. Da denkt man sich manchmal schon: Das passt alles nicht zusammen. Aber: Die Regularien sind so, und deshalb hält man sie auch so ein. Es war total easy. Jessica Behr, unsere Managerin, hat genauso wie der Rest des Teams tolle Arbeit geleistet. So wurde es ein sehr schönes Camp mit tollen Erkenntnissen, ein voller Erfolg.

Wie haben Sie die jungen Torhüterinnen erlebt?

Die Mädels hatten richtig Bock, endlich mal wieder auf dem Platz zu stehen und etwas lernen zu dürfen. Es waren 15 Torhüterinnen aus dem Jahrgang 2006 und 2007, alle voller Freude und mit Spaß dabei. Ganz unterschiedliche Typen, die viel gefragt haben, die offen waren und mit denen man sich super austauschen konnte. Sie haben das gezeigt, was sie bis dahin schon gelernt hatten, und jetzt noch mal sehr viel mitgenommen. Da sieht man auch, dass sich der Mädchenfußball entwickelt hat. Auch auf der Torwartposition. Überspitzt gesagt: Das ist nicht mehr wie vor Jahren, als man den Mädchen noch das Fangen beibringen musste.

Welche Herausforderungen gibt es trotzdem?

Es ist nach wie vor oftmals schwierig, Torwarttrainer für Mädchen zu finden. Das habe ich bei den Einzelgesprächen herausgehört: Oft werden sie nur einmal in der Woche positionsspezifisch trainiert. Es ist meine Aufgabe, das mit vielen Gesprächen zu lösen, auch mit den Landesverbänden. Die Mädels sollen besser versorgt werden. So, dass sie die Hausaufgaben, die sie von uns bekommen haben, überhaupt adäquat umsetzen und sich verbessern können.

Kamen die Spielerinnen in dieser Besetzung das erste Mal zusammen?

Ja, genau. Vier Torhüterinnen waren schon mal beim Camp. Damals konnten wir schon erste Hilfestellungen geben - und die Spielerinnen haben sich in der Zeit auch sehr gut entwickelt.

Entwickelt sich in den vier Tagen in Wedau auch ein gewisser Teamspirit?

Absolut. Wir haben das Torwartcamp ein bisschen umgestellt, und das hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Wir arbeiten immer in Gruppen, mit vier Schwerpunkten. In dieser Zeit haben wir viele kleine Wettkämpfe integriert, die natürlich auch einiges an Spaß mitbringen. Die Gruppen haben wir immer durchgemischt, so dass sich die Mädels nicht immer mit dem Gleichen beschäftigen. Am ersten Tag kommen die immer ganz schüchtern und ruhig. Da denkt man schon fast: Die wollen gar nicht oder können gar nicht reden. Und am letzten Tag denkt man dann, dass die immer noch nicht müde sind, obwohl sie so viel trainiert haben. Das Torwartcamp ist der einzige Lehrgang, in dem alle Trainer nur für die Spielerinnen da sind. Dadurch fällt es ihnen deutlich leichter, aus sich herauszugehen.

Ist Ihnen unter den 15 Teilnehmerinnen eine besonders aufgefallen?

Nicht nur eine, sondern einige. Wir waren wirklich positiv überrascht, wie viele interessante Torhüterinnen da waren. Sie sind alle jung, haben aber wirklich tolle Ansätze. Es gibt einige, die vom Typ her frech und keck sind. Auf der anderen Seite gibt es Mädels, die aufgeräumt und klar sind, die eine Struktur haben. Sechs, sieben Torhüterinnen waren dabei, die schon jetzt den nächsten Schritt zu Bettina Wiegmann in die U 15 gehen können.

Wie ist die aktuelle Lage im Nachwuchsbereich auf der Position der Torhüterin?

Am Anfang hatte ich Bedenken, wie die Mädels wohl zu uns kommen. Die vergangenen vier Monate sind für alle Sportler blöd gelaufen. Niemand konnte auf den Platz, alle waren auf Individualtraining angewiesen. Dann kamen die Ferien dazu. Daher waren wir positiv überrascht, wie gut die Mädchen ankamen. Sie haben sich durchgebissen. So einen Lehrgang wie bei uns sind sie nicht gewohnt. Zweimal täglich zu trainieren, ist ein Unterschied zum sonstigen Pensum. Wenn ich mir die interessanten Torhüterinnen anschaue, wird mir für die nächsten Monaten um die U 15 nicht bange.

Sie haben 126 Länderspiele absolviert und trainieren seit Ihrem Karriereende 2008 Torhüterinnen. Gibt es dennoch etwas, das Sie beim Camp überrascht hat?

Was Corona angeht: Das ist für uns alle ein neues Thema. Was mich überrascht hat? Dass eigentlich alles so wie immer ist. Niemand hatte Angst, die Mädels waren so wie immer - nur eben mit Maske auf der Nase. Ich habe schnell gelernt, sie an den Augen zu erkennen. (lacht) Was mich freut, ist, dass sich die Charaktere in unseren Reihen verändern. Die sind erfrischend, haben Freude, wollen immer etwas lernen und organisieren im Team selbst irgendwelche Sachen. Die Mädels "fressen einem aus der Hand", wenn sie so viel Input bekommen. Sie saugen es so richtig auf, um das zu Hause umsetzen zu können.

Welche Schwerpunkte haben Sie im Training gesetzt?

Den Schwerpunkt Grundtechniken des Torwartspiels haben wir immer. Da geht es um die Grundstellung mit den Fanggriffen. Dazu kommt ein taktisches Thema in Verbindung mit einem technischen Anteil, zum Beispiel das Zonenspiel. Da lernen die Torhüterinnen, was überhaupt eine Zone ist, wie und an was sie sich im Raum orientieren müssen und welche Techniken man dort anwendet. In Zone eins zum Beispiel, dem spitzen Winkel, muss man groß bleiben, mutig sein, sich nicht wegdrehen und mit den Techniken der Fußabwehr versuchen, den Ball zu entschärfen. Zone zwei ist die Halbposition, in der man aus einem guten Stellungsspiel heraus in der Lage ist, den Ball zu halten, ohne zu springen. Das nennen wir die Abkipptechnik.

Gab es auch völlig neue Trainingsinhalte?

Mit unserem Athletiktrainer Ulf Sobek hatten wir ein sehr interessantes Thema, die Neuroathletik. Für die Mädels gab es da sehr viele Aha-Erlebnisse. Und nicht zu vergessen sind die vielen kleinen Spaßspiele, die im Lehrgang super angenommen wurden. Wir als Trainer konnten dadurch sehr viel sehen. Hat eine Torhüterin den unbedingten Willen, den Ball zu halten? Das kann man durch solche Spiele gut erkennen. (lacht)

Wie war das Feedback der Spielerinnen?

Wir haben das Camp ein wenig umstrukturiert, weil wir noch mehr über die Torhüterinnen wissen wollen. Sie sind das erste Mal beim DFB. Raus aus dem Kinderfußball, rein in den Leistungssport - das ist kein Klacks. Die sind nervös, wollen alles zeigen. Deshalb wollen wir sie, auch mithilfe eines Eingangsfragebogen, abholen. Am Schluss gab es einen zweiten Fragebogen, in dem die Mädels beschreiben konnten, wie anstrengend das Camp war, ob sie alles verstanden haben. Zudem hatten wir den "Letter to myself": Sie mussten sich selbst einen Brief schreiben, wie sie sich als Torhüterin jetzt, in drei Monaten oder in einem halben Jahr sehen. Den Brief bekommen sie von mir wieder und können dann nachlesen, ob sie sich darin wiedererkennen. Das wird spannend. Ansonsten gibt es natürlich ein persönliches Feedback über Einzelgespräche und viele Videos über verschiedene Techniken. Bilder sagen mehr als tausend Worte. Mit den Analysen konnten wir schon Hilfestellungen geben.

Und wie sieht die Trainerrolle aus?

Als Trainerin muss man einfach offen und ehrlich sein und verstehen, was in einem Kind vorgeht. Für Kinder ist es etwas ganz Besonderes, auf einmal in einer Auswahl zu sein. Die machen sich einen Kopf, wollen keine Fehler machen und alles zeigen, was sie können. Wir versuchen, sehr viel in Gesprächen zu lösen und mit den Spielerinnen auch mal zu lachen. Wir möchten vermitteln, dass wir nicht die großen DFB-Trainer, sondern auf Augenhöhe sind. Die Mädels sollen lernen, sich auszutauschen und die Scheu verlieren. Wir wollen sie ermutigen, dass sie mit allem zu uns kommen können. Was die Persönlichkeit betrifft, sind die Mädels auf einem ganz guten Weg.

Und Ihre persönliche Rolle, wie hat die sich verändert?

Es hat sich so viel verändert - vor allem für die Spielerinnen und dadurch auch für mich. Die Schule ist länger, es gibt große Fahrwege, die Mädels müssen viel lernen und bekommen dann auch noch Hausaufgaben, die sie in ihre Woche integrieren sollen. Sie müssen schauen, dass sie einen Torwarttrainer finden. Das ist ein großes Programm, viele sind damit überfordert. Da gilt es, eine Struktur reinzubringen - und dafür bin ich verantwortlich. Gemeinsam mit den Verbandssportlehrern und den Vereinstrainern versuche ich, die Mädels so abzuholen, dass sie sich nicht gleich erschlagen fühlen.

Wie haben Sie die vergangenen vier Monate verbracht?

Ich bin ehrlich: Ich bin nicht der Schreibtischstuhl-Hocker und nicht begeistert, wenn ich drei, vier Telefonkonferenzen am Tag abhalte. Am liebsten bin ich auf dem Platz. Der Schreibtisch tut meinem Rücken nicht so gut. (lacht)

Immerhin blieb mehr Zeit für konzeptionelle Arbeit.

Klar, wir haben auch viel entwickelt. So eine Pause bietet die Möglichkeit, viele Dinge zu reflektieren, nachzubearbeiten oder neu vorzubereiten. Neben der neuen Struktur des Torhüterinnen-Camps, mit der wir total glücklich sind, waren wir auch an anderen Projekten dran: Wir schreiben zum Beispiel einen Taktikleitfaden, in dem wir das Positionsspiel in der Raumverteidigung ausarbeiten sowie das Offensivspiel aus Torhüterinnensicht.

Wie geht es jetzt für die jungen Torhüterinnen weiter?

Bettina Wiegmann wird die Feldspielerinnen sichten, in eineinhalb Wochen ist der erste Lehrgang mit insgesamt 60 Mädchen aus ganz Deutschland. Da wird Bettina mit ihrem Team die Mädchen raussuchen, mit denen sie die ersten Lehrgänge in der U 15 starten wird. Wir geben die Torhüterinnen dazu, von denen wir glauben, dass sie in den Kreis reinpassen.

Und für Sie persönlich?

Es geht gleich mit einem Workshop in der U 19 und U 20 weiter. Und am 23. August steht schon der erste U 19-Lehrgang auf dem Programm mit mehr als 40 Spielerinnen und sechs Torhüterinnen. Wir haben dieses Jahr noch Ziele, wollen uns mit der U 19 für die Eliterunde und darüber hinaus für die Europameisterschaft 2021 in Weißrussland qualifizieren. Außerdem haben wir noch die U 20-WM vor der Brust, die im Januar in Costa Rica stattfinden soll. Ich bin jetzt wieder komplett im Modus. Keine Langeweile in Sicht.
 

Hier weitere Bilder vom DFB-Lehrgang in der Sportschule Wedau:

 

Hinweis: Dieser Text inklusive der Fotos ist zuerst am 6. August 2020 auf dfb.de erschienen.

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