Landesliga

Wie Weltenbummler Mohammad Ellahi bei der Holzheimer SG landete

Mohammad Hossein Ellahi wuchs in Australien auf, spielte in den USA, in Indien, in Singapur - und dank Google trifft er jetzt für einen Landesligisten in Neuss.
14. Dezember 2020 Herrenfußball | Grevenbroich / NeussText: MSPW/FVN
Wie Weltenbummler Mohammad Ellahi bei der Holzheimer SG landete
Bildquelle: Kiah Hufton
Hat im Alter von 23 Jahren bereits auf vier Kontinenten gespielt: Mohammad Hossein Ellahi (rechts).

Mohammad Hossein Ellahi hat schon auf vier Kontinenten Fußball gespielt - und das mit 23 Jahren. Der gebürtige Iraner wuchs in Australien auf, spielte in den USA, Indien und Singapur. Vor einigen Wochen hat er mit dem Landesligisten Holzheimer SG aus Neuss einen neuen Verein in Deutschland gefunden - dank Google. Im  Interview, das auf Englisch geführt wurde, spricht er über seinen spannenden Weg.

Sie spielten bereits auf vier Kontinenten Fußball, obwohl Sie erst 23 Jahre alt sind. War eine solche "Weltreise" Ihr Plan, Herr Ellahi?

Mohammad Hossein Ellahi: Nein, gar nicht. Mein Ziel war es immer, mich als Fußballer weiterzuentwickeln. Und ich hatte bei jedem Wechsel das Gefühl, das Richtige zu tun. Ich muss auch gestehen, dass ich erst rückblickend realisiere, wie viel ich tatsächlich schon erlebt habe. Dass das nicht alltäglich ist, weiß ich.

Es ging für Sie schon früh von Ihrem Geburtsland Iran nach Australien, die Heimat Ihres Vaters. Bis zu Ihrem 16. Lebensjahr lebten und kickten Sie dort in der Hafenstadt Newcastle. Wie war es, in Australien aufzuwachsen?

Ellahi: Fantastisch. Die Menschen in Australien sind weltoffen, unvoreingenommen, kommunikationsfreudig und hilfsbereit. Dort ist es egal, wo du herkommst: Du kannst dir sicher sein, respektiert und gut behandelt zu werden. Deshalb bin ich auch stolz, Australier zu sein.

Danach führte Ihr Weg nach Seattle in die USA. Dort spielten Sie für Nachwuchsteams des Major League Soccer-Klubs Seattle Sounders. Was war der Grund für diesen Schritt?

Ellahi: In Australien habe ich zwar auf einem recht hohen Level gespielt, aber es gab keine wirkliche Talentförderung. Es war immer mein Wunsch, in einer professionellen Fußballakademie ausgebildet zu werden. Weil mein Vater, der Wissenschaftler ist, einen Job in Seattle annahm, nutzte ich die Chance und absolvierte ein Probetraining bei den Sounders. Ich konnte überzeugen und kam zunächst in das U 18-Team. Nach einem Jahr ging es dann in die U 23. Der Schritt in die USA zu den Seattle Sounders war einer der größten in meiner bisherigen Zeit im Fußball. Dort habe ich gelernt, was es ausmacht, ein professioneller Fußballer zu sein. Ich habe erkannt, dass es nicht nur darum geht, auf dem Platz Höchstleistungen abzurufen, sondern sich auch abseits des Feldes vorbildlich und diszipliniert zu verhalten. Dazu zählen auch ein respektvoller Umgang mit anderen Menschen im Vereinsumfeld, eine gesunde Ernährung und die tägliche Motivation, alles für den Teamerfolg und seine eigene Karriere zu geben.

Bei den Seattle Sounders trug Mohammad Hossein Ellahi (rechts) die Nummer 8. (Foto: privat)

Große Stadt, großer Verein, professionelle Strukturen: Reifte in Seattle der Traum von einer Profikarriere im Fußball?

Ellahi: Absolut. Die Ambitionen hatte ich zwar schon vorher. Aber in Seattle habe ich verstanden, was Profitum bedeutet. Und es hat mir gefallen. Während man in Australien ruhig fünf Minuten zu spät kommen konnte, wurde man in den USA dafür aus dem Kader gestrichen. Mir wurde mehr denn je klar, dass nur mit harter Arbeit und purer Hingabe der Weg in den Profifußball erreicht werden kann.

2015 zog es Sie dann erstmals nach Deutschland. Statt zu einem Profiverein wechselten Sie jedoch zum hessischen Sechstligisten SC 1960 Hanau. Wie kam es dazu?

Ellahi: Ich habe mich in Seattle wohlgefühlt und wollte grundsätzlich dort bleiben. Allerdings ist im amerikanischen System der Weg vorgezeichnet: Nach dem College sollte ich an einer Universität studieren und der Verein hätte mich dabei unterstützt. Erst im Anschluss daran hätte ich die Möglichkeit gehabt, zur ersten Mannschaft zu stoßen. Diese Chance bekommen aber die wenigsten. Ich wollte das Risiko nicht eingehen, mit 22 zwar das Studium abgeschlossen zu haben, aber dann von den Sounders nicht übernommen zu werden. Ich wollte lieber weitere Erfahrungen im Fußball sammeln, um meinem Traum ein Stück näher zu kommen, anstatt direkt zu studieren. Also fragte ich meinen Agenten, welche Alternativen es für mich gebe. Glücklicherweise hatte er Connections zum früheren Zweitligaprofi Elton Da Costa (SV Darmstadt 98, Anm. d. Red.), über den ich dann an einige Probetrainings in Deutschland kam. Schließlich landete ich in Hanau.

Es war Ihre erste Station in Europa. Was waren die größten Unterschiede, die Sie in Deutschland festgestellt haben?

Ellahi: Ich habe zwar vorher schon viel davon gesehen - aber nirgendwo sind die Menschen und Vereine wirklich so organisiert wie in Deutschland! (lacht) Jeder Spieler hat eine unglaubliche Grunddisziplin und die Einheiten sind von vorne bis hinten perfekt durchgeplant. Auch taktisch wird in Deutschland ein komplett anderer Maßstab gesetzt als beispielsweise in Australien. Außerdem habe ich schnell gemerkt, dass die Nachwuchsarbeit hier herausragend ist. Schon im jungen Alter haben die Spieler ein hohes Verständnis für taktische Feinheiten. Das ist beeindruckend und beweist, warum die Bundesliga zu den besten Ligen der Welt zählt und der FC Bayern München aktuell in Europa das Maß aller Dinge ist.

Mohammad Hossein Ellahi (rechts) im Nationaltrikot der U 20 von Singapur. (Foto: privat)

Es folgten Stationen in Singapur, Indien und erneut in Australien, bevor es Ende 2018 nach Europa zu einem Fünftligisten im französischen Lyon zurückging. Hatten Sie bisher nie das Gefühl, sesshaft werden zu wollen?

Ellahi: Doch, eigentlich schon. Ich habe nur noch nicht den richtigen Ort dafür gefunden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich nun länger in Deutschland bleibe. Das Land und die Leute gefallen mir. Ich habe den Eindruck, dass man hier für gute Leistungen und eisernen Willen auch belohnt wird. Und deshalb bin ich optimistisch, dass ich in Deutschland glücklich werde und mit meinem "Kontinenten Hopping" aufhöre. (lacht)

Was war der kurioseste Moment, den Sie auf Ihrer aufregenden Fußballreise erlebt haben?

Ellahi: Kurios und ernüchternd zugleich war meine Zeit in Indien. Ich hatte beim Minerva Punjab FC einen Zweijahresvertrag unterschrieben und wäre eigentlich auch jetzt noch da. Allerdings lief es nicht ansatzweise so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Schon früh habe ich vermutet, dass dort hinter den Kulissen etwas nicht stimmt. Das bestätigte sich dann, als mein erstes Gehalt fällig wurde. Ich habe es nie erhalten - und auch folgende Gehälter wurden nicht ausgezahlt, so dass ich Verein und Land schnell wieder verlassen wollte. Es gab aber ein Problem: Der Klub hatte meinen Pass und wollte ihn nicht herausrücken. Also suchte ich mir Hilfe in meiner australischen Heimat und bei der FIFA. Am Ende habe ich zumindest meinen Pass bekommen, um dieses bizarre Kapitel beenden zu können.

Auch Ihr jüngster Schritt zum Neusser Landesligisten Holzheimer SG verlief kurios. Erzählen Sie uns doch einmal, wie Sie auf Ihren neuen Verein kamen!

Ellahi: Das ist wirklich eine unglaubliche Story. (lacht) Ich hatte in Lyon gespielt, wollte aber unbedingt zurück nach Deutschland. Da ich keinen Kontakt hatte, begab ich mich selbst auf die Suche. Ich öffnete den Laptop und begann, nach "German Lower League Teams" zu googeln. Die Suchmaschine spuckte mir eine Liste mit hunderten Vereinen aus Oberligen, Landesligen und Kreisligen aus. Ich fing mit der Maus an zu scrollen und stoppte irgendwann. In diesem Moment war der Cursor auf der Holzheimer SG. Ich kannte den Verein natürlich nicht, informierte mich aber über ihn. Als ich dann sah, dass der SG-Trainer mit Hamid Derakhshan ein Iraner ist, dachte ich nur: Das muss Schicksal sein! (lacht) Ich habe nicht lange überlegt und direkt nach einer Kontaktmöglichkeit gesucht. Als ich schließlich sein privates Instagram-Profil gefunden hatte, schrieb ich ihm dort. Ich stellte mich vor und schickte ihm eine Art Lebenslauf von mir mit. Nach wenigen Tagen meldete er sich tatsächlich und schlug mir vor zu telefonieren. Dann ging es schnell. Wir vereinbarten ein Probetraining und ich fuhr 19 Stunden mit dem Bus von Lyon nach Neuss. Jetzt spiele ich für die Holzheimer SG (er erzielte zwei Tore in drei Ligaspielen; Anm. d. Red.). Verrückt, oder?

Absolut. Lebt denn der Traum vom Profifußball weiter?

Ellahi: Definitiv. Mir ist zwar bewusst, dass es ein großer Sprung von der Landesliga in den Profibereich ist. Außerdem weiß ich mittlerweile, dass in Deutschlands Amateurbereich unzählig viele Talente spielen, die in anderen Ländern Superstars wären. Und das meine ich ernst! Aber wenn ich alles gebe und dem Fußball alles unterordne, kann ich es noch schaffen. Ich will in Holzheim viel dazulernen, mich weiter verbessern und taktisch weiterentwickeln. Mein Ziel ist es, nicht nur eine beeindruckende Story zu sein, sondern mit dem Fußball langfristig mein Geld zu verdienen.

Apropos Geld: Sie spielen bei Amateurklubs und das regelmäßig in einem anderen Land. Viele Leser fragen sich gerade bestimmt: Wie finanzieren Sie das?

Ellahi: Ich bin überall - egal, ob in Singapur in der 1. Liga oder in Deutschlands 6. Liga - sparsam mit meinem Verdienst umgegangen und habe auf Vieles verzichtet. Schon früh habe ich gelernt, wie ich mit Geld umzugehen habe. Anders hätte das alles auch nicht funktioniert. Ich lege beispielsweise wenig Wert auf materialistische Dinge und benötige keine Markenklamotten, um glücklich zu sein. Beim Einkaufen achte ich darauf, in welche Supermärkte ich gehe und welche Produkte ich auswähle. Neben dem Fußball habe ich außerdem als Tellerwäscher in einem Restaurant gearbeitet, um mit dem Geld auszukommen. Ich weiß, das klingt wie der Anfang einer klischeehaften "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Geschichte. (lacht) Aber um große Ziele zu erreichen, muss man eben auch viel dafür tun. Ich hoffe sehr, dass ich mir meine Träume noch ermöglichen kann.


Dieser Text ist am 15. November zuerst hier auf FUSSBALL.DE veröffentlicht worden.

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