Der SC St. Tönis 11/20 aus der Oberliga Niederrhein steht erstmals in der Vereinsgeschichte im Halbfinale um den Verbandspokal. Dort trifft das Team von Trainer Bekim Kastrati, der während seiner aktiven Laufbahn unter anderem auch vier Bundesligapartien für Borussia Mönchengladbach absolvierte, am Mittwoch, 25. März (ab 19.30 Uhr) auf den Ligakonkurrenten FC Büderich.
Es könnte für beide Vereine schon ein "Endspiel" um die Premiere im DFB-Pokal sein. Im anderen Halbfinale stehen sich nämlich drei Tage später (Samstag, 28. März, 15 Uhr) der 1. FC Bocholt aus der Regionalliga West und der Drittligist MSV Duisburg gegenüber. Sollten sich die favorisierten "Zebras" dabei durchsetzen und bis zum Saisonende auf einem der ersten vier Tabellenplätze in der 3. Liga bleiben, dann wäre auch der Finalgegner - unabhängig vom Ausgang des Pokalendspiels - ebenfalls für den bundesweiten Pokalwettbewerb qualifiziert.
"Das ist für unseren Verein eine einmalige Chance", sagt der 46 Jahre alte Bekim Kastrati, der mit seiner Familie in Mönchengladbach lebt und als selbstständiger Immobilienkaufmann seinen Lebensunterhalt verdient, im Gespräch mit FUSSBALL.DE: “Die Vorfreude auf das Halbfinale ist schon jetzt riesengroß.”
An die beiden Ligaduelle mit dem Pokalgegner FC Büderich hat der SC St. Tönis 11/20 gute Erinnerungen: Nach einem fulminanten 5:0 während der Hinrunde wurde auch das torreiche Rückspiel (4:3) gewonnen. "Ich erwarte einen heißen Kampf", warnt der frühere Nationalspieler Kastrati, der für sein Heimatland Albanien einst zwei Länderspiele absolvierte. "Im Hinspiel hatten wir einen sehr guten Tag, das zweite Aufeinandertreffen hätte aber auch anders ausgehen können", so der SC-Trainer. Hinzu kommt, dass der FC Büderich im Viertelfinale keinen geringeren Gegner als den West-Regionalligisten Wuppertaler SV (1:0) überraschend aus dem Wettbewerb gekegelt hatte.

Die positive Entwicklung beim St. St. Tönis, der noch bis 2012 in der Kreisliga B gekickt hatte, ist beeindruckend und eng mit Trainer Kastrati verbunden. Der zweifache Familienvater begann 2018 beim Vorgängerverein DJK Teutonia St. Tönis, führte das Team nach dem Aufstieg aus der Bezirksliga auf Anhieb in der Spitzengruppe der Landesliga.
In der folgenden Saison 2019/2020 belegte die DJK Teutonia St. Tönis dort den zweiten Platz. Wegen der Corona-Pandemie musste die Saison nach 25 Spieltagen abgebrochen werden. Auf Beschluss des Fußballverbandes Niederrhein (FVN) stieg St. Tönis in die Oberliga auf - und ist dort seitdem eine feste Größe.
Nach zwei Aufstiegen und einem achten Tabellenplatz in der ersten Oberligasaison verließ Kastrati jedoch den Klub und folgte später dem Lockruf des damaligen Viertligisten SV Straelen in die Regionalliga West. Das Engagement dauerte allerdings nur wenige Monate. "In Straelen hatte ich keine gute Zeit", sagt Kastrati im Rückblick.
Sein alter Klub DJK Teutonia St. Tönis schloss sich derweil mit dem Lokalrivalen SV St. Tönis zum heutigen SC St. Tönis 11/20 zusammen. Als der Fusionsverein dann in der Spielzeit 2023/2024 in akute Abstiegsgefahr geriet, fragten die Verantwortlichen wieder beim Ex-Profi nach, ob er bereit sei zu helfen. Kastrati sagte zu - und leitete in Tönisvorst erneut eine positive sportliche Entwicklung ein. "Zum Glück war es die richtige Entscheidung", so der Trainer. "Die Sportliche Leitung und unser gesamtes Trainerteam haben mit der Mannschaft den Abstieg verhindert, den Verein weiterentwickelt und inzwischen in der Oberliga etabliert", zieht Kastrati ein positives Fazit.
Obwohl der SC St. Tönis in der Meisterschaft noch Chancen auf den Titelgewinn hat, würde der Verein wegen der fehlenden Infrastruktur aller Voraussicht nach nicht von einem möglichen Aufstiegsrecht Gebrauch machen. "Wir sind Feierabendfußballer, arbeiten von morgens bis abends und trainieren dreimal in der Woche", betont Kastrati, dem nur am Donnerstag der gesamte Platz für das Training mit seinem Team zur Verfügung steht. Dienstags und freitags muss sich die erste Mannschaft die Spielfläche mit anderen Teams teilen. "Dennoch fühle ich mich in St. Tönis pudelwohl, habe bereits per Handschlag für eine weitere Saison zugesagt", so der Trainer.
In der abgelaufenen Saison erreichte der SC St. Tönis mit Platz vier seine bislang beste Platzierung in der Oberliga Niederrhein, hinter dem späteren Aufsteiger SSVg Velbert sowie der SpVg Schonnebeck und dem ETB Schwarz-Weiß Essen. "In der Vorsaison waren wir das Überraschungsteam. Daraus hat sich eine gefestigte Oberligamannschaft entwickelt, die erneut oben mitspielt. Darauf bin ich mächtig stolz", beschreibt Kastrati.

Während seiner aktiven Karriere hatte der einstige Stürmer sehr viel erlebt. Vor mehr als 20 Jahren feierte Bekim Kastrati sein Bundesligadebüt für Borussia Mönchengladbach, kam 2005 am 1. Spieltag gegen den VfL Wolfsburg (1:1) zum Einsatz. Im Kader der Gladbacher kickte er unter anderem mit dem heutigen Cheftrainer Eugen Polanski, Ex-Nationalspieler Oliver Neuville, dem späteren TV-Experten Thomas Broich, der aktuell Nachwuchsleiter bei Borussia Dortmund ist, sowie Top-Stürmer Giovane Elber zusammen.
"Giovane Elber war mein Idol, von ihm konnte ich mir im Training viele Dinge abschauen", so Kastrati. “Eugen Polanski schaffte damals aus der U 19 den Sprung zu den Profis. Bei ihm war schnell abzusehen, dass er sich durchsetzen und eine Fußballerkarriere machen wird. Mit Eugen stehe ich noch in Kontakt, wir tauschen uns gelegentlich über WhatsApp aus.”
Nicht zuletzt zwei Kreuzbandrisse verhinderten bei Kastrati eine längere Profikarriere sowie weitere Nominierungen für die albanische Nationalmannschaft. “Ich habe mich nach den schweren Verletzungen durch Fleiß und Disziplin immer wieder zurückgearbeitet. Diese Werte will ich an meine Mannschaft weitergeben.”
Mit Fleiß und Disziplin soll als nächstes großes Ziel das Endspiel um den Niederrheinpokal erreicht werden. Es wäre der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Sollte im zweiten Halbfinale auch noch der MSV Duisburg "nachziehen", dann hat Bekim Kastrati bereits - nicht ganz uneigennützig - eine besondere Aktion geplant. "Wir werden dann mit der gesamten Mannschaft ein Duisburger Heimspiel in der 3. Liga besuchen und uns als MSV-Fans outen", verrät der Trainer des SC St. Tönis 11/20.
Der Wunschgegner für die erste Runde im DFB-Pokal stünde für Bekim Kastrati im Erfolgsfall auch schon fest. "Ein Duell mit Borussia Mönchengladbach wäre die Kirsche auf der Sahnetorte", schwärmt er.
Dieser Text erschien zuerst am 15. März auf FUSSBALL.DE.
