Schmerzmittel-Missbrauch

Experte Prof. Dr. Toni Graf-Baumann: "Der Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal"

Akzuelle Zahlen zeigen, dass auch im Amateurfußball oft sogar prophylaktisch zu Voltaren und Ibuprofen gegriffen wird - ein Interview mit Toni Graf-Baumann.
30. Juni 2020 Allgemein | GlobalText: Thomas Hackbarth/DFB
Experte Prof. Dr. Toni Graf-Baumann:
Bildquelle: Imago, DFB / Collage: DFB
Professor Dr. Toni Graf-Bauman ist Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin sowie Schmerz- und Sportmedizin und gehörte sowohl der Medizinischen Kommission des DFB als auch der FIFA an.

Aktuelle Zahlen zeigen, dass auch im Amateurfußball oft sogar prophylaktisch zu "Volta" und "Ibu" gegriffen wird. Professor Dr. Toni Graf-Bauman, Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin sowie Schmerz- und Sportmedizin gehörte sowohl der Medizinischen Kommission des DFB als auch der FIFA an. Graf-Baumann ist Mitherausgeber des 2020 in der 3. Auflage erschienenen Patienten-Ratgebers "Schmerz - eine Herausforderung". Hier ein DFB.de-Interview mit dem Experten zum Thema Schmerzmittel-Missbrauch im (Amateur)Fußball.

Professor Baumann, die ARD sendete kürzlich eine Dokumentation über den Missbrauch von Schmerzmitteln im Fußball. Wie viele Fälle sind Ihnen selbst begegnet?

Professor Dr. Toni Graf-Baumann: Ich war sieben Jahre Präsident eines Oberligavereins. Und wenn ich damals in die Umkleidekabine gegangen bin, musste ich regelmäßig erleben, wie sich meine Spieler die Voltarentabletten zugeschoben haben. Da konnte ich sagen, was ich wollte. Indirekt bin ich diesem Thema hunderte Male begegnet, etwa während unserer FIFA-Studien, als wir die Formulare auswerteten, in denen die Mannschaftsärzte alle Medikamenteneinnahmen binnen der letzten 72 Stunden vor der Dopingkontrolle verzeichnen müssen. Eines dieser Formulare war ja geschwärzt auch in der ARD-Doku zu sehen. Für die FIFA-Wettbewerbe, die wir untersucht haben, muss man aus meiner Sicht klar bilanzieren, dass erschreckend viele Schmerzmittel verabreicht oder von den Spielern selbst eingenommen wurden. Da muss auch der Spitzenfußball besser werden.

Warum ist der Schmerz eben nicht etwas, was man bekämpfen und ausschalten sollte, sondern etwas Gutes?

Graf-Baumann: Für unseren Körper funktioniert der Schmerz wie ein Warnsignal. Die Verarbeitung des Schmerzes im Rückenmark und im Gehirn führt dazu, dass der Mensch ein Signal gesendet bekommt, nämlich salopp gesprochen die Nachricht "Hoppla, da ist etwas kaputt". Wenn wir dann richtig reagieren, vermeiden wir eine weitere Schädigung. Wenn etwa Magenschmerzen dazu führen, dass wir uns diätetisch darauf einstellen. Indem wir unseren Arzt konsultieren oder einen Termin beim Physiotherapeuten machen. Der Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal. Bei 0,8 Prozent der Menschen auf der Welt funktioniert dieses System nicht. Die fassen auf eine heiße Herdplatte, erleiden die Verbrennung, aber spüren keinerlei Schmerz. Das ist nicht lustig.

Für einen Amateurfußballer, der Schmerzen verspürt, ob wegen muskulären Dingen oder einer Prellung, ist es also kein Zeichen von Härte, sondern immer eine dumme Idee, ein Schmerzmittel einzuwerfen und trotzdem zu spielen?

Graf-Baumann: Ja. Weil der Spieler oder die Spielerin damit riskiert, einen viel schwerwiegenderen nächsten Schaden zu erleiden.

Welche anderen Schädigungen sind durch eine hochfrequente Einnahme von Schmerzmitteln zu befürchten?

Graf-Baumann: Wenn sie hochdosiert eingenommen werden, können diese Medikamente sehr negativ auf das Herz, auf die Nieren, die Leber und den Magen-Darm-Trakt wirken. Unter Umständen auch tödlich. Beim Bonn-Marathon haben Leute Aspirin und Diclofenac genommen und sind später daran gestorben. Das hat auch damit zu tun, dass der Sportler gerade bei Ausdauerleistungen extrem schwitzt, also dehydriert, womit die Konzentration der Wirkstoffe dieser Schmerzmittel steigt. Die Organe sind dadurch mit einer noch höheren Konzentration dieser Wirkstoffe konfrontiert.

Bei welcher Dosierung beginnt aus Ihrer Sicht das Risiko?

Graf-Baumann: Einmal im Monat 50 Milligramm Diclofenac oder Ibuprofen zu nehmen, ist überhaupt nicht gefährlich. Ich rate nur immer, dass man zu solchen nicht-steroidalen Antiphlogistika immer einen sogenannten Magenschoner dazu nimmt. Das sind kleine rezeptfreie Tabletten wir Pantoprazol, mit denen man die Magenschleimhäute schont. Das Risiko besteht bei einer hochfrequenten Einnahme über längere Zeiträume. Ich habe vor etwa zehn Jahren mal in einer Publikation den Ausdruck "wie Smarties" genutzt, der jetzt immer wieder medial aufgegriffen wird.

Sind andere Sportarten – Langstreckenlauf, Kampfsport, American Football – gefährdeter, wenn es um die hochfrequente Einnahme von Schmerzmitteln geht?

Graf-Baumann: Der Fußball ist genauso gefährdet, aber es sind schon ein paar Abstufungen erkennbar. Hans Geyer vom Dopinglabor Köln hat vor etwa zwölf Jahren angefangen, eingehende Urinproben auf die gängigen Schmerzmittel zu untersuchen. Er hat festgestellt, dass Ausdauer- und Kraftsportarten noch einmal ganz besonders gefährdet sind, wenn wir von Schmerzmittelmissbrauch sprechen. Aber wie gesagt, der Fußball hat keinen Grund, sich hier zurückzulehnen.

Hier geht's zur ARD-Doku "Geheimsache Doping - hau rein die Pille!"

 


Hinweis: Dieses Interview ist am 13. Juni zuerst auf DFB.de veröffentlicht worden.