Fußballverband Niederrhein e.V.
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„Mädchen- & Frauenfußball ist unsere Zukunft“

Drei Fußballvereine vom linken Niederrhein gehen eine bislang einmalige wie außergewöhnliche Kooperation ein

05.06.2018
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Es klingt wie ein nostalgisches Fußballmärchen. Und es passt eigentlich nicht in die immer kommerzieller werdende Fußballwelt. Bundesweit gibt es aktuell 55 Nachwuchsleistungszentren (NLZ). Allein die 36 Vereine der ersten und zweiten Bundesliga sind vom DFB verpflichtet, diese zu betreiben, und geben jährlich zig Millionen Euro für deren Unterhalt und damit die Talentförderung aus.

Doch seit zwei Jahren ist eine neue Talentschmiede auf dieser Landkarte zu finden, die so gar nicht ins übliche Bild passen will. In der fußballerischen Diaspora, genauer im Kreis Kleve, wenige Kilometer von der Grenze zu den Niederlanden entfernt, wurde ein Talentförderzentrum (TFZ) mit dem Namen „Kämpferherzen“ gegründet. Ziel der Allianz der Vereine SV Bedburg Hau, VFR Warbeyen und 1. FC Kleve ist die Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs in der Region.

Über das außergewöhnliche und bislang einmalige Projekt sprachen wir mit den Vereinsvorsitzenden des VFR Warbeyen Christian Nitsch, Christoph Thyssen (1. FC Kleve) und TFZ-Boss Sven Rickes.

Sven Rickes - Leiter des TFZ-Kämpferherzen [Foto: M.Fuhrmeister]
Sven Rickes - Leiter des TFZ-Kämpferherzen [Foto: M.Fuhrmeister] -

FVN: Meine Herren, was macht für Sie die Attraktivität des Frauenfußballs aus?
Sven Rickes:
(lacht)… ja, ich kenne natürlich die Vorurteile. Aber der Frauenfußball hat enorm aufgeholt, ist schneller, technisch besser und auch körperbetonter geworden.

FVN: Warum die Fokussierung auf den Mädchen- und Frauenfußball, warum ein Talentförderzentrum?
Sven Rickes:
Die Mädchenabteilung des SV Bedburg-Hau hat in den letzten Jahren den Anspruch entwickelt, leistungsorientierten Fußball anzubieten. Dazu haben uns die Rahmenbedingungen auf der heimischen Platzanlage gefehlt: Platzkapazitäten, Material, Lagerungsmöglichkeiten. Wo 18 Jungenmannschaften spielen, ist für drei, vier Mädchenteams kein wirklicher Platz mehr. Schon früh sind wir eine Kooperation mit dem 1. FC Kleve eingegangen. Wir haben in Teilen den Trainings- und Spielbetrieb zusammengelegt. Im Winter konnten und können unsere Mädchen so etwa die Kunstrasenplätze des 1. FC Kleve nutzen.

FVN: Klingt nach einer einseitigen Kooperation?
Christoph Thyssen:
Ist es aber nicht. Einige Spielerinnen des SV Bedburg Hau sind in unseren Jugendmannschaften spielberechtigt. Das ist für unsere Trainer und Spieler eine tolle Erfahrung. Und der Teamgeist wird enorm gefördert. Das war für uns schon überraschend.

FVN: Und wie kam der VFR Warbeyen ins Boot?
Sven Rickes:
Unsere U17 stand damals vor dem Aufstieg in die Niederrheinliga. Der SV Bedburg Hau hatte aber keinen Oberbau. Aber man bildet ja eigentlich für den Seniorinnenbereich aus. Da wir vor allem die talentierten Spielerinnen nicht einfach an die hochklassige Konkurrenz der SGS Essen oder Mönchengladbach verlieren wollten, haben wir überlegt: wo ist hier in der Nähe die höchst spielende Damenmannschaft?
Christian Nitsch: Und so kam der Kontakt zum VFR Warbeyen zustande. Wir spielen seit über zehn Jahren in der Landesliga. Das soll sich aber morgen ändern. Zwei Punkte fehlen noch.

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FVN: Und sofort waren alle begeistert?
Sven Rickes:
Nicht sofort, aber doch recht schnell. Wir haben schnell die Köpfe zusammengesteckt und uns gefragt: wie können wir eure Frauenmannschaft und unseren Unterbau zusammenbringen. Eine Fusion kam aber nicht in Frage. Dann hätten die Mannschaften ihre Spielklassen verloren. So entstand die Idee einen neuen Verein eigens für den Mädchen- und Frauenfußball zu gründen, der inhaltlicher und wirtschaftlicher Träger des neuen Talentförderzentrums ist. Wir reden also von einer Kooperation von vier Vereinen: SV Bedburg Hau, VFR Warbeyen, 1. FC Kleve und eben dem TFZ. Das TFZ organisiert das Training, den Spielbetrieb in den Vereinen, Talentsichtung, Talentförderung. Und je nach Leistungsstärke entscheidet das TFZ auch, welche Spielerin in welchem Verein und in welcher Mannschaft spielt.

FVN: Wie schwer ist Euch diese komplette Neuausrichtung gefallen? Gab es Bedenken oder Widerstände?
Christian Nitsch:
Kaum. Für den VFR Warbeyen war und ist der Frauenfußball die Zukunft. Wir haben im Herrenbereich nur noch ein Team in der Kreisliga C. Ohne die Kooperation hätten wir wohl nicht überlebt. Wir profitieren jetzt vom Nachwuchs für unsere erste Damenmannschaft, die den Landesliga-Spielbetrieb sonst hätte einstellen müssen.
Sven Rickes: Unterm Strich haben schon nach zwei Jahren alle gewonnen. Der SV Bedburg Hau ist mit jeweils einer U13, U15 und U17 in die Kooperation gestartet. Jetzt spielen über 100 Mädchen im Jugendbereich und wir haben eine erste und zweite Damenmannschaft.

FVN: Ihr habt einen fast schon professionellen Fitnessraum und nur Trainer mit mindestens C-Lizenz. Wie finanziert Ihr Euch?
Sven Rickes: Mit Trainern, Physiotherapeuten, Fahrern und engagierten Eltern kommen wir auf 25 Personen, die das TFZ alle ehrenamtlich unterstützen. Im ersten Jahr hatten wir einen Etat von 38.000 Euro, der ausschließlich durch Sponsoren und Spenden gedeckt wurde. Unsere Prämisse war immer: Wenn du leistungsorientiert arbeiten willst, musst du dich unabhängig von der öffentlichen Hand machen.
Christian Nitsch: Wir haben auch die Sanierung des Vereinsheims komplett aus eigenen Mitteln finanziert. Und ab Juni haben wir einen eigenen Greenkeeper.

Vereinsvorsitzender des VFR Warbeyen - Christian Nitsch [Foto: M.Fuhrmeister]
Vereinsvorsitzender des VFR Warbeyen - Christian Nitsch [Foto: M.Fuhrmeister] -

FVN: Aber so ein Leistungszentrum mitten auf dem platten Land…
Sven Rickes
: ...hat den großen Vorteil, dass die talentierten Mädchen heimatnah spielen können und nicht die langen Wege nach Essen oder Mönchengladbach in Angriff nehmen müssen. Egal wo, wir wollen den Mädchen die bestmöglichen Rahmenbedingungen bieten, um ihre Ziele und Wünsche erfüllen zu können. Selbst wenn am Ende ein Vereinswechsel steht.

FVN: Und wie sieht es mit sportlichen Zielen und Wünschen des TFZ aus?
Christian Nitsch:
(lacht)...Wie viele Ligen sind denn noch über uns?
Sven Rickes: Unsere Erwartungen sind bislang voll umfänglich inhaltlich erfüllt. Die sportliche Erfolge werden folgen. Wenn wir das aktuelle sportliche Niveau erstmal halten, ist dann schon ein großer Schritt.

FVN: Weckt Euer Projekt Begehrlichkeiten? Womöglich sogar bei der ganz großen Konkurrenz?
Christian Nitsch:
Die wären ja blöd, wenn sie dieses zarte Pflänzchen am linken Niederrhein nicht weiter wachsen lassen würden. Wenn auch bestimmt nicht zu groß. Wir treffen doch die Vorauslese, fahren über die Dörfer und sichten Talente. Und dass im weiten Umkreis um Kleve und Wesel, in dem immerhin knapp eine Million Menschen leben.
Sven Rickes: Mit Borussia Mönchengladbach werden wir sogar eine Kooperation eingehen. Richtig ausformuliert ist noch nichts. Angedacht ist aber, dass es zur neuen Saison gemeinsame Trainerlehrgänge, Freundschaftsspiele und gegenseitige Turnierteilnahmen geben soll.

FVN: Kein Neid, keine Konkurrenz?
Sven Rickes:
Wir gucken nicht auf die anderen, schon gar nicht auf die ganz Großen. Neid spielt da keine Rolle. Wir wollen höchstens von ihnen lernen und die Professionalität so weit es geht auf unsere Möglichkeiten übertragen.

FVN: Zum Abschluss: wo seht Ihr das TFZ sagen wir in drei Jahren?
Sven Rickes:
Bei 1500 Mitgliedern, die als Förderer und Mitglieder über Beiträge den Großteil des Etats stemmen. Dafür werden wir Klinken putzen gehen.

[Text: M.Fuhrmeister | Fotos: M.Fuhrmeister, TFZ-Kämpferherzen | Layout: F.B./FVN]

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